Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK)
Das Gutachten analysiert, wie Daten im Bildungswesen wirksamer zur Qualitätsentwicklung genutzt werden können. Ausgangspunkt ist die seit rund 20 Jahren verfolgte Strategie, mehr Autonomie von Schulen mit verbindlicher Rechenschaftslegung zu verbinden. Obwohl mit Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten und Bildungsmonitoring zentrale Instrumente etabliert wurden, ist ihre Nutzung bislang nicht systematisch verzahnt und entfaltet nur begrenzte Wirkung für Unterrichts‑ und Schulqualität. Ziel des Gutachtens ist ein kohärenter, evidenzbasierter Ansatz datengestützter Steuerung, der Lernen, Entwicklung und Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt – in Schulen wie in der frühkindlichen Bildung.
Datennutzung ist kein Selbstzweck, hebt das Gutachten hervor, sondern dient der gezielten Förderung von Lern‑ und Entwicklungsprozessen. Der breite Bildungsauftrag – fachlich, überfachlich und sozial‑emotional – müsse abgebildet werden. Entscheidend sind Datensparsamkeit, klare Zieldefinitionen, datenschutzkonforme und nutzerfreundliche technische Infrastrukturen sowie eine systematische Qualifizierung aller Akteure in Data Literacy.
Die SWK empfiehlt ein verbindliches, länderübergreifendes Test‑ und Rückmeldesystem insbesondere in Deutsch, Mathematik und Englisch. Ein Minimalprogramm zentraler Lernstandserhebungen soll Lernausgangslagen erfassen, als Frühwarnsystem Förderbedarfe sichtbar machen und die Wirksamkeit von Maßnahmen überprüfen. Während sich die Erhebungen bisher vor allem auf die Bildungsstandards in den Fächern beziehen, sind langfristig auch für überfachliche Kompetenzen - wie Selbstregulation und Sozialverhalten - Lernziele und Standards zu entwickeln.
Für eine Unterrichtsentwicklung und Lernförderung, die der steigenden Heterogenität und den spezifischen Förderbedarfen Rechnung trägt, brauchen Lehrkräfte lernprozessbegleitende Diagnosen, die Lernverläufe über längere Zeiträume abbilden und mit Materialien zur Förderung und Unterrichtsentwicklung verknüpft sind, insbesondere auch Learning-Analytics und KI-Anwendungen. Systematische Fortbildungen für Lehrkräfte sowie die Einbindung von Schülerfeedbacks zu Unterrichtsqualität und Wohlbefinden sind zentrale Voraussetzungen.
Für die Schulentwicklung wird ein Abschied von umfangreichen, textlastigen Schulprogrammen hin zu schlanken, digitalen Schulentwicklungsplänen empfohlen. Diese sollen klar priorisierte Ziele, Maßnahmen, Verantwortlichkeiten und Evaluationskriterien enthalten. Grundlage sind integrierte Datendashboards, die Leistungs‑, Kontext‑ und Prozessdaten bündeln.
Die Schulaufsicht wird als Controlling‑ und Unterstützungsinstanz gestärkt. Erforderlich sind ein klares Aufgabenprofil, regelmäßige datengestützte Dialoge mit Schulen und eine stärkere Verzahnung mit fachlichen Unterstützungssystemen. Externe Evaluation soll stärker anlassbezogen und entwicklungsorientiert erfolgen.
Datennutzung soll gezielt die Zusammenarbeit von Schulen, Eltern, Schülerinnen und Schülern unterstützen. Voraussetzung sind verständliche, barrierefreie Informationen und regelmäßige dialogische Formate. Die SWK empfiehlt, datengestützte Lernentwicklungsgespräche mit aktiver Beteiligung der Schülerinnen und Schülern auszubauen.
Auf Systemebene wird eine Weiterentwicklung und bessere Abstimmung des Bildungsmonitorings empfohlen, einschließlich einer Bildungsverlaufsstatistik für längsschnittliche Analysen. Für das Zusammenarbeiten der verschiedenen Akteure und Ebenen ist die Orientierung an gemeinsamen leitenden Zielen entscheidend.
Für die frühkindliche Bildung fordert die SWK eine Gesamtstrategie datengestützter Qualitätsentwicklung, die vorhandene Datensätze besser verzahnt, valide Verfahren stärkt und Perspektiven für ein flächendeckendes Monitoring der Prozess‑ und Interaktionsqualität eröffnet. Zusätzlich sind Zeitressourcen, Funktionsstellen und Qualifizierung für Fach‑ und Leitungskräfte notwendig.
Bewertung:
Das Gutachten der SWK unterstützt die derzeitigen Bestrebungen in den Ländern, bei der Verbesserung der Schulleistungen endlich systematischer und gezielter als bisher voranzukommen. Dabei hält es die entscheidenden Erfolgskriterien fest: Datengestützte Steuerung entfaltet nur dann Wirkung, wenn sie kohärent und zielorientiert ist und professionell unterstützt wird. Der Appell zur Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen und der Wissenschaft ist berechtigt, damit Daten konsequent für Qualität, Wirksamkeit und Chancengerechtigkeit im gesamten Bildungssystem genutzt werden. Gut: Die SWK richtet ihre Empfehlungen konkret an die verantwortlichen Akteure. Richtig ist es zudem, die persönlichen Ausgangslagen der jungen Menschen in den Blick zu nehmen, die sich auf den Lernerfolg auswirken. Überfachliche Kompetenzen gewinnen zunehmend an Bedeutung und sollten daher ebenfalls ein Thema im Bildungssystem und Bildungsmonitoring sein.
Mit der Forderung einer Datenbasierung auch im frühkindlichen Bereich schlägt die SWK einen neuen Pflock ein: Bislang wird Kita-Qualität weitgehend als Ressourcenfrage diskutiert. Es ist dringend, auch die pädagogische Qualität in den Blick zu nehmen und in der Kita Bildungsziele zu setzen.
Roadmap Bund und Länder zum IQB-Bildungstrend 2024
Bund und Länder haben sich nach dem letzten IQB-Bildungstrend 2024 auf einen gemeinsamen, zeitlich begrenzten Arbeitsprozess verständigt. Obwohl die verfassungsrechtlichen Zuständigkeiten gewahrt bleiben, besteht Einigkeit darüber, dass eine stärkere, koordinierte Zusammenarbeit notwendig ist, um eine nachhaltige Verbesserung der Bildungsqualität in Deutschland zu erreichen.
Zentrales Anliegen ist es, Ursachen des Kompetenzrückgangs systematisch zu analysieren, zukünftige Handlungsbedarfe der verschiedenen Ebenen (Bund, Länder, Kommunen, Schulpraxis) zu identifizieren und zu priorisieren sowie darauf aufbauend gemeinsame Ziele und Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Dabei sollen wissenschaftliche Expertise, schulische Praxis und nichtstaatliche Akteure eng eingebunden werden. Leitend ist das Verständnis eines kooperativen und leistungsfähigen Bildungsföderalismus.
Langfristiges gemeinsames Ziel ist es, innerhalb der nächsten zehn Jahre
- den Anteil der Schülerinnen und Schüler deutlich zu senken, die die Mindest- und Regelstandards in Deutsch und Mathematik verfehlen,
- die Zahl der Schulabgänge ohne Abschluss zu reduzieren und
- zugleich die Leistungsspitze gezielt zu fördern.
Als zentrale Einflussfaktoren für die gegenwärtigen Herausforderungen werden u.a. die Folgen der Corona-Pandemie, die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft, die intensive Nutzung sozialer Medien sowie perspektivisch die rasche Entwicklung Künstlicher Intelligenz genannt.
Sieben zentrale Handlungsfelder:
1. Steuerung und Wirksamkeit: datengestützte Qualitätsentwicklung
Eine systematische Nutzung von Bildungsdaten wird als Schlüssel zur nachhaltigen Qualitätsentwicklung gesehen. Bund und Länder wollen bestehende Verfahren der Schul- und Unterrichtsentwicklung weiter ausbauen, Lücken schließen und perspektivisch – ggf. auf Basis gemeinsam definierter Bildungsziele – zu einem kohärenten Gesamtsystem weiterentwickeln.
2. Lernvoraussetzungen und sozial-emotionale Kompetenzen
Erfolgreiches Lernen setzt stabile soziale, emotionale und psychische Voraussetzungen voraus. Angesichts wachsender psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen sollen Maßnahmen zur Förderung von Wellbeing, Selbstwirksamkeit, Mitbestimmung und Demokratiekompetenzen ausgebaut werden. Bestehende Länderprogramme sowie eine geplante Bundesstrategie zur mentalen Gesundheit sollen dafür die Grundlage bilden.
3. Leitungshandeln im Mehrebenensystem
Schulaufsicht und Schulleitungen nehmen eine zentrale Rolle für die Qualitätsentwicklung ein. Ziel ist ein gemeinsames Zielbild für wirksames Leitungshandeln, einschließlich klarer Aufgabenprofile, abgestimmter Instrumente und stärkerer Nutzung digitaler Strukturen.
4. Frühkindliche und adaptive Sprachbildung
Bildungssprachliche Kompetenzen in Deutsch gelten als grundlegende Voraussetzung für Bildungserfolg und Teilhabe. Bund und Länder setzen einen Schwerpunkt auf verbindliche Diagnostik und gezielte Förderung, insbesondere in der frühkindlichen Bildung sowie für spät zugewanderte Kinder und Jugendliche. Geplant ist u. a. eine verpflichtende Sprachstandsfeststellung bei vierjährigen Kindern im Rahmen des vorgesehen Kita-Qualitätsentwicklungsgesetzes des Bundes.
5. Qualität von Bildungs- und Unterrichtsmaterialien
Angesichts heterogener Lernvoraussetzungen steigt der Bedarf an qualitativ hochwertigen, passgenauen analogen und digitalen Unterrichtsmaterialien. Bund und Länder wollen bestehende Initiativen weiter stärken und Qualitätskriterien insbesondere auch für KI-gestützte Bildungsmedien entwickeln.
6. Lehrkräftebildung in allen Phasen
Die Qualität des Unterrichts hängt wesentlich von der Professionalität der Lehrkräfte ab. Bund und Länder sehen daher die Notwendigkeit, Studium, Vorbereitungsdienst und Fortbildung stärker miteinander zu verzahnen, wirksame Programme zu skalieren und insbesondere Fortbildungsangebote in Mathematik und den Naturwissenschaften auszubauen.
7. Bildungsforschung und Transfer
Bildungsforschung liefert die Grundlage für Steuerung, Innovation und Qualitätsentwicklung. Bund und Länder wollen Forschungsaktivitäten stärker strategisch nutzen und insbesondere den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die schulische Praxis verbessern. Programme wie der CHANCEN-Verbund des Startchancenprogramms dienen als wichtige Referenzen.
Zur Strukturierung des weiteren Vorgehens vereinbaren Bund und Länder, sich zunächst auf drei Handlungsfelder zu fokussieren: Datengestützte Qualitätsentwicklung, Lernvoraussetzungen und Bildungsforschung. Konkret vorgesehen sind u. a.:
- ein Dialogprozess zu gemeinsamen Bildungszielen,
- die Prüfung zusätzlicher Lernstandserhebungen und einer länderübergreifenden digitalen Testinfrastruktur,
- der Aufbau einer Bildungsverlaufsstatistik zur besseren Analyse von Bildungskarrieren,
- die Entwicklung einer gemeinsamen Initiative zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen,
- Maßnahmen zur Stärkung der Feedback- und Beratungskultur an Schulen sowie
- eine intensivere Abstimmung zum Transfer von Bildungsforschung unter Einbeziehung der Wissenschaftsministerkonferenz.
Bewertung:
Die Roadmap ist ein wichtiger, ja entscheidender Schritt hin zu mehr Kooperation, Evidenzorientierung und strategischer Steuerung im Schulsystem. Unterhalb der Schwelle rechtsförmiger Vereinbarungen bildet das Format der Roadmap die länderübergreifenden Ziele ab und definiert gemeinsame Schwerpunkte der weiteren Aktivitäten von Bund und Ländern.
Offensichtlich konnte man sich noch nicht auf messbare Ziele einigen. Konkrete Zielsetzungen und greifbare Meilensteine wären weiterhin wünschenswert und sind auch angestrebt. Dennoch ist die gemeinsame Verantwortung von Bund und Ländern für mehr Schulqualität und Bildungsgerechtigkeit deutlich und die Roadmap ein zentraler und zielführender Schritt auf dem Weg dorthin.